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Copyright: Claudia Westermann

Liebe Teilnehmer und Teilnehmerinnen,

erst einmal danke dafür, dass Ihr euch heute hier einbringt, dass Ihr Stellung nehmt, dass Ihr zeigt, dass Menschen mit Behinderungen Ihre Interessen selbstständig formulieren und vertreten können und wollen, und dafür, dass Ihr euch solidarisch zeigt mit Menschen mit Behinderungen. Ich danke euch dafür, dass Ihr mit uns heute und hier für ein selbstbestimmtes (!) Leben, für Teilhabe und für Barrierefreiheit demonstriert und Stellung bezieht gegen Ausgrenzung und Bevormundung.

Der Behindertenprotest in diesem Jahr ist anders als in den Jahren davor. Zu den ungelösten Fragen und behindertenpolitischen Themen aus den vergangenen Jahren kommen in diesem Jahr coronabedingt neue dazu. Ihr seht es selbst heute und hier:

Um andere und uns selbst zu schützen, müssen wir Abstand halten. Abstand halten bedeutet aber nichts anderes, als gewohnte körperliche Nähe nicht mehr zu haben. Und während viele Menschen den Wegfall von vielen persönlichen Kontakten relativ leicht kompensieren können und sich per Computer mit anderen treffen und austauschen, können das andere Menschen nicht, z.B. wenn sie eine Behinderung haben, bei der direkte Kommunikation notwendig ist, mit Blickkontakt, Mimik und ggf. langsamerer Sprechgeschwindigkeit.

Auch für Menschen, die eine Behinderung haben und alleine leben, ist es in Corona-Zeiten oft noch herausfordernder als für andere alleinlebende Menschen, weil man fremde oder auch bekannte Menschen in Corona-Zeiten nicht gerne um Hilfe fragt. Aber MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN MÜSSEN EBENSO AM LEBEN TEILNEHMEN UND TEILHABEN KÖNNEN WIE MENSCHEN OHNE BEHINDERUNG UND ZWAR AUCH IN CORONA-ZEITEN!

Teilhabe ist als Thema in Corona-Zeiten völlig nach hinten gerutscht. Während viele Großeltern selbst entscheiden können, ob und wann sie ihre Enkelkinder treffen, können ältere Menschen mit Behinderung, die in einer stationären Einrichtung leben, noch immer nicht überall selbst entscheiden, wen sie wann besuchen möchten und von wem sie besucht werden möchten. Das kann und darf kein Dauerzustand werden!

Auch wer als behinderter Mensch einen besonderen Bedarf an Schutzkleidung hat, z.B. für persönliche Assistenten, für den ist Unterstützung, sei es bei der Beschaffung oder bei der Bezahlung, oft schwerer zu bekommen als für andere Gruppen. Schon vor Corona war es nicht einfach, sein Leben selbständig mit Hilfe persönlicher Assistenten zu meistern. Jetzt, in Corona-Zeiten, dürfen hier nicht noch zusätzliche Schwierigkeiten dazukommen, die ein selbstbestimmtes Leben noch schwieriger machen! Teilhabe, Hilfe und Unterstützung für andere darf nicht daran scheitern, dass Schutzausrüstung für persönliche Assistenten und Familienmitglieder nicht zu bekommen ist!

Corona stellt uns alle vor Herausforderungen. Wir wissen aus Studien, dass auch Kinder und Jugendliche darunter leiden, auf einmal fast ohne soziale Kontakte dazustehen. Ohne Schule, ohne Kita, ohne Freunde zu treffen, ohne Sport und ohne ihre gewohnten Freizeitmöglichkeiten. Aber auch hier gilt: Kinder mit Behinderungen haben noch weniger Möglichkeiten, das auszugleichen, als andere Kinder! Sie können – je nach Behinderung – nicht einfach in den Wald gehen, wenn der Spielplatz gesperrt ist. Nicht alle Familien haben zuhause eine große Auswahl an therapeutischem Spielzeug, viele Eltern müssen sich um mehrere Kinder kümmern und Schule, Haushalt, Homeoffice und Betreuung gleichzeitig kümmern.

Die Situation von Familien mit behinderten Kindern ist eine besonders schwierige Situation, ein Lockdown trifft viele noch schwerer als andere Familien. Gleichbehandlung im Lockdown führt hier nicht zu gleichen Ergebnissen, wir brauchen einen speziellen Blick für die Nöte von Menschen mit Behinderungen, für die Familien, in denen Menschen mit Behinderungen leben. Wer es alleine nicht schafft, braucht Solidarität – und zwar von uns allen.

Nochmal: Es geht mir hier nicht um eine ausgefallene Klassenfahrt, sondern es geht um das soziales Miteinander, es geht darum, täglich voneinander zu lernen, es geht um gemeinsame Erlebnisse und um soziales Mitgefühl und Respekt voreinander täglich neu leben und erleben zu können, im gemeinsamen Austausch, im gemeinsamen Miteinander-Lernen. Auch Schulbegleiter, Mitarbeiter der Frühförderung oder die Menschen, die mit Kindern arbeiten, die sich sprachlich oder motorisch weiterentwickeln wollen, müssen in Corona-Zeiten mit ihren Kindern weiterarbeiten können. Wenn nicht zuhause, dann an öffentlichen Plätzen, in Schulen, in Rathäusern, egal wo, mit guten Masken und guter Ausstattung. Kluge Ideen und regionale, individuelle Lösungen für das „wo“ und für das „wie“ sind gefragt, ein generelles „geht nicht“ darf es nicht mehr geben.

Es geht nicht nur darum zu leben und zu überleben, es geht auch darum das Leben in Corona-Zeiten mit möglichst viel Lebensqualität leben zu können. Und zwar für uns alle – mit Abstand und Hygiene, aber auch mit Mut und Kreativität, mit Solidarität und mit Zusammenhalt!

Kerstin Celina, MdL (Die Grünen) – Sprecherin für Sozialpolitik, psychische Gesundheit und Inklusion

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