Leben mit einer körperlichen Behinderung

Andre Thiel/ Beiträge, Texte

Leben mit einer körperlichen Behinderung – Realität und Wünsche

Freundschaften:

Freundschaften sind auch für uns sehr wichtig. Sie dienen zum Austausch von Kummer und Problemen, die im Alltag stattfinden. Ratschläge können weitergegeben werden. Es spielt unter uns Freunden keine Rolle, dass man behindert ist. Man fühlt sich untereinander gleichberechtigt. Zum Glück kann ich das Privileg genießen, unterschiedliche Freundschaften kennen gelernt zu haben.

Erwachsen sein/ politische Probleme im Alltag

Spätestens nach meiner Ausbildungszeit im Berufsbildungswerk in Greifswald bin ich der Wirklichkeit angekommen. Ich habe erkannt wie knallhart das Erwachsenenleben mit Handicap in der heutigen Gesellschaft ist, die nur auf Profitgier des Kapitalismus aufgebaut ist.

Das heißt, nur wer sich in diesem System durchsetzen kann, hat eine reale Chance, nicht unterzugehen. Das setzt aber voraus, dass Kinder und Jugendliche in der Schulzeit und von den Eltern rechtzeitig gefördert werden und somit gelernt haben, mit Konflikten umzugehen und sie zu lösen.

Besonders schwierig ist es nach wie vor für uns benachteilige Menschen, Kontakte mit Menschen ohne Handicap herzustellen. Es bestehen zwischen den Parteien Vorurteile, die nur sehr schwer abzubauen sind.

In diesem Zusammenhang hat auch die Politik bzw. die Wirtschaft versagt, benachteiligte Menschen in Deutschland besser zu integrieren. Sobald eine amtliche Behinderung vorliegt, werden wir gesetzlich und gesellschaftlich ausgegrenzt.

Damit ist gemeint, dass man denkt, wir müssten anders behandelt werden. Klar, ist das Fördern der Betroffenen wichtig, vielmehr wichtiger wäre aber, dass man die Wünsche der Betroffenen versucht umzusetzen. Notfalls per Gesetz gegen die Gegner, die nur ihre eignen Interessen vertreten möchten. Zum Teil aus Profitgier der Wirtschaft.

Beispiel: Einen gerechten Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft.

Aufgrund der Ausgrenzung innerhalb der Gesellschaft erlebe ich jeden Tag, wie mich Bürger teilweise verurteilen bzw. abstempeln.
Nach dem Motto: „Der Bekloppte“…

Dies ist zurückzuführen, dass viele Menschen sehr verunsichert sind, wie man mit uns umgehen soll, oder einzuschätzen, welche Leistungen wir erbringen könnten, wenn wir gefördert würden.

Beispiel: “Guck mal, wie der läuft, oder wie der spricht. Der hat bestimmt eine Macke.”

Andersrum fällt es uns schwer, auf die Mitmenschen zuzugehen, mit der Befürchtung, man wird nicht erst genommen. Also geht jeder seiner eigenen Wege und die Konflikte bleiben weiterhin ungelöst. Um dies zu ändern, müssten alle gemeinsam aufeinander zugehen.

Partnerschaft/ Sexualität/ Familie mit einer Behinderung:

Aufgrund der Unwissenheit der Mitbürge ist es schwierig, eine Partnerschaft einzugehen bzw. zu führen. Egal, wie schwer die Behinderung des Betroffenen ist.

Auch Menschen wie ich sind an einer Partnerschaft interessiert, Liebe, Geborgenheit und sexuelle Erfahrungen zu erleben. Noch viel schlimmer ist es, wenn der Körper dies nicht, oder nur unzureichend zulässt. Zudem müssen einige teilweise noch zusätzlich eine Windel tragen.

Mit meiner Athetose, habe ich teilweise große Schwierigkeiten, meine Sexualität auszuleben. Erstens mit wem und zweitens, wenn ich eine Partnerin gefunden habe, ist mein Körper aufgrund der Bewegungsstörung zum Teil nicht in der Lage, auf ihre sexuellen Wünsche einzugehen.

Zwar ist Sex in einer Beziehung nicht alles, was aber durchaus 50 % ausmacht. Somit besteht die Gefahr, dass eine Partnerschaft nicht lange anhält. Geht das Zusammenleben nur deswegen auseinander, kann man depressiv werden.

Je mehr man das erlebt, desto mehr zieht man sich in den eigenen vier Wänden zurück.

Damit der Kreis unterbrochen werden kann, sollte man den Betroffenen die Chance geben, dass man die Kosten für sexuelle Dienstleistungen oder für einen Sexualassistenten über die Krankenkasse abzusetzen.

Dadurch können sicher einige seelische Erkrankungen verhindert werden.

Auch Wünsche wie der, eine eigene Familie zu gründen, sind teilweise nicht möglich. Ersten aus medizinischer Sicht. Dazu kommen noch gesellschaftliche Probleme. Wie zum Beispiel, ob man sich das Kind finanziell leisten bzw. sich darum kümmern kann.

Betroffene, die zwar geistig „normal“ sind, aber gesundheitliche Probleme haben, besitzen teilweise einen hohen Ehrgeiz. Aber auch die eigene Erwartungshaltung scheitert oft an körperlichen Einschränkungen. Dies zu verkraften, ist sehr schwierig.

Man kann nur darauf hoffen, das Betroffene ihren eigenen Weg finden, menschlich nicht kaputtzugehen.

Politische Aktivitäten

Weshalb ist mir die politische Aktivität wichtig?

Damit wir alle Menschen besser in unsere Gesellschaft integriert werden und nicht nur dafür sorgen, dass wir als Gesellschaft finanziell abgesichert sind.

Was habe ich bisher erreicht?

Nicht viel. Das Kapital regiert die Welt. Selbst Behindertenverbände und Vereine untereinander sind sich uneinig, wie man gegenüber der Politik auftreten soll, um auf die fehlende Entwicklung hinzuweisen.

Was wünsche ich mir für die Zukunft?

Bevor wir als Gesamtbevölkerung etwas verändern und weiter entwickeln können, brauchen wir weltweit ein anderes Wirtschafts- und Sozialsystem, was nicht auf Profit und Ausbeutung der Menschheit basiert. Damit ist folgender Satz gemeint:

Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Solange manche „Geier“ des Kapitalismus den Hals nicht voll kriegen, wird es keine Verbesserung des Zusammenlebens geben. Erst wenn der Mensch wieder im Vordergrund steht, ist eine Chance vorhanden, dass wir alle am Wohlstand teilhaben und das Leben genießen können.

Dies ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Andre Thiel

Link zu “Ich hätte auch dumm bleiben können.”

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4 Kommentare

  1. Ich finde es sehr schön gesc liebe Grüße Sabrina

  2. Sehr gut beschrieben und geschrieben. Aber ein anderes Gesellschaftsystem ist leider eine Utopie.

  3. Die Welt ist böse und gemein. Ja die Gesellschaft ist egoistisch aber das geht den Menschen wie den Leuten …. Hallo Andrè, denke du kennst Mich noch …. Ron typischer Text aus deiner Feder so kenne ich dich. Respekt das du den Mut hast es zu veröffentlichen. Wünsche Dir viel Erfolg weiterhin auf deinem Weg. -Ronny

  4. Genau das ist es. Wenn man lauter Profit geile deppen Angsthasen Manipulierer um sich rum hat warum müssen wir dann therapiert werden und nicht die Menschen von denen die Welt Gesellschaft voll ist. Du hast das gut vormuliert mir gelingt es nicht ich bin zu emotional Dankeschön

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