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Wie war es vor Corona?

Wir befinden uns im Jahre 2018. In ganz Deutschland ist die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert worden. In ganz Deutschland? Nein. Eine kleine Behördenabteilung leistet beharrlichen Widerstand.

In dieser kleinen Behördenabteilung, Pardon dem Schulsystem, fürchtet man sich nicht vor den neuen Regelungen. Man fürchtet sich nur davor, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt, wenn wie alte Zöpfe Hinkelsteine abgeschnitten werden, auf denen die alten Fairnessregeln von 1938 in Stein gemeißelt sind.

In diesem Schulsystem machte der kleiner autistische Junge Autistix Bekanntschaft mit dem Zauber der alten Regelungen und des alten Gerechtigkeitsgefühls. Prokrustix Regeln geben vor, dass alle gleich zu sein haben. Aber alle müssen vorgeben, den neuen Regeln zu huldigen. Wichtig!

Im Jahre 2017 kam der kleine Autistix also in die dritte Klasse des ersten gallischen Dorfes in Baden-Württemberg, obwohl er schon als Baby in Aspergix Zaubertrank gefallen war. Die Klassenlehrerin Sportine wusste es. Aber Sportine sah alle Kinder gleich an, so wie es schon der alte Druide Prokrustix gemacht hatte.

In einer dritten Klasse gibt es immer ziemlich viel Geraufe, so wie das in jedem gallischen Dorf üblich ist. Autistix kam immer wieder mit blauen Flecken nach Hause. Autistix wehrte sich oft nicht, sondern verfiel in Schockstarre.

Schockstarre ist aber nach den alten Regeln verboten. Wer in Schockstarre verfällt wird mit motivierenden Sechsen belebt. Sportine tat ihr Bestes. Sie verteilte gaaaanz viele motivierende schlechte Noten.

Es wollte bei Autistix einfach nicht helfen.

In einem weiter entfernten Dorf gab es eine Zauberdruidin, die Aspergix Zaubertrank kennt. Sie wurde zu Rate gezogen. Sie empfahl dem Boss des Dorfes, eine Vereinbarung aufzusetzen. Das war sozusagen der Passierschein XXXVIII-A. Bossix ließ Sportine den Passierschein ausstellen.

Wie jeder weiß, hilft ein solcher Passierschein böse Zauber von den Oberbossen abzuwehren. Im gallischen Dorf hat er aber keine Bedeutung.

Im Passierschein, der auch Nachteilsausgleich genannt wurde, legte Sportine fest, dass Klassenarbeiten immer angekündigt werden. Aber dass Klassenarbeiten in Englisch als Test „deklariert“ werden. Tests werden selbstverständlich nicht angesagt. Es stand also schon gleich im Passierschein, dass er im gallischen Dorf selbst nicht gilt.

Sie legte auch fest, dass Autistix eine Mitarbeit an einer Partner- oder Gruppenarbeit freigestellt wird. Das war auch eine Idee von der Zaubererdruidin gewesen. Und auch Sportines Kollegin Sachine unterschrieb den Passierschein. Leider, leider vermerkten sie kein Datum darauf. Es stellte sich aber später die Frage des Stichtages, ab dem der Nachteilsausgleich gelten sollte. In einem gallischen Dorf passieren eben solche absichtlichen Versehen.

Und es wurde festgelegt, dass Autistix von Ausflügen und Lerngängen befreit werden konnte.

Sportine und Sachine setzten fleißig Partner- und Gruppenarbeiten an. Autistix konnte sehen, wo er blieb. Einmal hatte sich eine Gruppe so blitzschnell zusammengefunden – mit Autistix – dass Sachine es laufen ließ. Es flogen Radiergummis durch die Luft und man stritt sich. So ist das in einem gallischen Dorf. Andere aus der Gruppe beklagten sich bei Autistix Eltern über das wilde Gemenge bei der Gruppenarbeit. Als die Eltern Sachine fragte, hatte sie nichts bemerkt. Es sei ganz friedlich zugegangen.

Sportine war noch fleißiger. Sie machte gaaaanz viele Ausflüge. Dazu gibt es von den Oberbossen einen Hinkelstein. Auf diesem ist eingraviert, dass maximal vier Ausflüge pro Jahr stattfinden können. Sportine kam ganz locker auf 40 Ausflüge. Autistix konnte ja jedes Mal zu Hause bleiben. Das tat er auch gern. Da gab es auch keine blauen Flecken, keine motivierenden Sechsen und keine freigestellten Gruppenarbeiten. Autistix Eltern hatten aber Angst, dass die Erfüllung der Schulpflicht ihnen auf den Kopf fällt. Immerhin ist die Schulpflicht ein großer Hinkelstein, der an einem Rosshaar über jeder Hütte schwebt, die Aspergix Zaubertrank kennt. Und da kann der Himmel auf den Kopf fallen.

Deshalb baten Autistix Eltern Sportines Boss und seine Chefin, die eine Unterbossin ist, von den 40 Ausflügen die Null zu streichen. Die Bossin antwortete schriftlich, dass eine Null ja nichts ist, also auch nicht zählt. 40 = 4 . So einfach ist das. Sie musste die Null nicht streichen. Die Null existierte ja schon gar nicht. Autistix konnte das nicht verstehen. Die Ausflüge waren ja da.

So ist das eben mit Passierscheinen im gallischen Dorf.

Autistix überlebt die dritte Klasse und die vierte Klasse. Danach wanderte er weiter in das nächste gallische Dorf, so wie das auf dem Hinkelstein Schulpflicht ja vorgesehen ist. Im neuen gallischen Dorf gab es keine blauen Flecken mehr, es gab keine Klassenarbeiten, die zu Tests deklariert werden, um nicht angesagt zu werden, es gab keine Partner- oder Gruppenraufereien.

Auch wenn die Unterbossin mitgeteilt hatte, dass 40 =4 ist, so bekam sie dennoch ein Pergament mit der Überschrift Dienstaufsichtsbeschwerde, dass die blauen Flecken und die Gruppenrangeleien auch nicht Teil des Passierscheins gewesen seien. Wenigstens im Nachgang. Die Dienstaufsichtsbeschwerde wurde von der Unterbossin an die Oberbossin weitergereicht. Im Widerstand gibt es strenge Regeln und eine steile Hierarchie.

Auch die Oberbossin kannte Prokrustix Regeln genau. Sie verfasste sogar einen Brief und schrieb Autistix, dass er sich nicht so anstellen solle. Aspergix Zaubertrank sei kein Drama. Autistix solle nicht so übertreiben. Blaue Flecken seien die natürlichste Sache der Welt. Sachine und Sportine hätten ausgezeichnet gearbeitet.

Deshalb bat Autistix die Oberoberbossin um eine Fernschule. Eigentlich hatte er das schon in der vierten Klasse so gehabt, weil ja so viele Wandertage gewesen waren. Auch wenn es im neuen gallischen Dorf viel besser war, als im ersten gallischen Dorf, so war es trotzdem auch ein gallisches Dorf und Distanz war sogar noch besser.

Daraufhin schickten die Götter Corona und Autistix Wunsch wurde erfüllt. Die Oberoberbossin wurde aus ihrem Amt gejagt. Nur Sportine und Sachine trieben weiter ihr böses Spiel – aber dann mit anderen Kindern.

Am Schluss gab es ein Festbankett. Da werden solche Geschichten erzählt.


(Realname ist der Redaktion bekannt)

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