Gehörlos in Zeiten vor und während Corona

Sabine Jaye/ Beiträge, Texte

Gerade in Krisen wird die Gebärdensprachcommunity sträflich vernachlässigt! Das war schon vor der Corona Pandemie ein großes Problem.

Durch die Corona Krise (auch den anderen Krisen zuvor, z.B. Finanzkrise) verschärfen sich die bestehenden Probleme der gehörlosen Menschen. Keinen Zugang zu Informationen, fehlende Untertitel oder Einblendungen der Dolmetscher*innen für Gebärdensprache bei Regierungsbotschaften oder Live-Pressekonferenzen.

Gerade zu Beginn der Corona Krise kritisierten viele Betroffene den fehlenden Zugang zu Informationen und zu den Gesundheitsämtern bei Infektionsverdacht bis hin zur Verweigerung! So konnten sich taube Menschen auch bei auftretenden Symptomen oder Verdachtsmomente kaum mitteilen und wurden bei der medizinischen Versorgung benachteiligt. Gerade in der Zeit der Kontaktverbote mit Menschen außerhalb des eigenen Hausstandes wurden uns die Einbeziehung der Dolmetscher*innen für Gebärdensprache bei Arztbesuchen/Notaufnahme in Kliniken unmöglich gemacht.

Seit Jahren kämpfen wir um die Einführung von 24-Stunden-Hotlines für Krisendienst, Polizei und Telefonseelsorge, bis dato leider erfolglos.

Die Krisenkommunikation und Botschaften bzw. Pressekonferenzen der Bundesregierung und der Bundesländer wurden komplett an den gehörlosen Menschen vorbei gehandhabt. Erst durch Proteste ist es im Laufe der letzten Wochen etwas besser geworden, allerdings werden wir immer noch auf das Internet verwiesen, wenn wir barrierefrei diese Botschaften oder Pressekonferenzen mit Dolmetscher*innen für Gebärdensprache sehen wollen. Wir erfahren diese wichtigen Informationen häufig viele Stunden später als der Rest in der Republik.

Die Einführung der Maskenpflicht treibt seltsame Blüten, was uns taube Menschen betrifft. In einem Bundesland gibt es die Befreiung der Maskenpflicht für Gehörlose. Gut gemeint, aber schlecht durchdacht. Was nützt es uns, wenn wir bei der Kommunikation auf maskierte Gesprächspartner treffen? Hartnäckig hält sich der Glaube in der hörenden Welt, dass wir Gehörlose sehr gut Lippenlesen können, auch wird in den Medien ein falsches Bild propagiert. Lippenlesen ist unglaublich anstrengend und bei guten Voraussetzungen (deutliches Mundbild, gute Lichtverhältnisse) werden gerade mal 25 bis 30% der Wörter verstanden (abgelesen). Der Rest – also über 70% verschwindet unverstanden im Nirwana. Hinzu kommt, dass die privilegierte hörende Gesellschaft die Last der Kommunikation auf Gehörlose abladen a´la „ihr könnt ja von meinen Lippen ablesen“! Bequemer geht es doch gar nicht, oder? Mittlerweile gibt es Masken mit einer durchsichtigen Mitte um den Mund herum, das soll beim Lippenlesen helfen. Nur zu viel atmen sollte man damit nicht!

Fakt ist, zur Kommunikation gehören immer 2, jeder sollte sich bemühen. Notfalls Papier und Stift bereit halten. Kleiner Tipp an die Hörenden, versucht es einfach mit Händen und Füßen. Gebt euch ein bisschen Mühe, es funktioniert und macht Spaß.

Wir Gebärdensprachler beziehen bei unserer Deutschen Gebärdensprache (DGS) den gesamten Körper ein, auch das Gesicht. Mimik und Gestik sind sehr wichtig. In der Mimik unseres Gesprächspartners erkennen bzw. lesen wir die Emotionen, die Gefühle. Hochziehen der Augenbrauen, Verziehen des Mundes, Nasenrümpfen, Stirnrunzeln etc., das alles zeigt uns in Echtzeit, wie sich der Gesprächspartner fühlt. So wie bei den Hörenden die Stimmung durch die Tonlage der Stimme wiedergegeben wird.

Fazit ist also, dass in der BRD noch unglaublich viel getan werden muss, damit wir Gehörlose überall barrierefrei Zugang bekommen. Da sind uns andere Länder weit voraus.

Sabine Jaye

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