Pflegende Angehörige

Brigitte Bührlen/ Beiträge, Texte

Foto: Esther Neumann

Jeder und jede von uns kann jederzeit von jetzt auf gleich „behindert“ sein oder werden.
Was für ein merkwürdiges Wort für die Beschreibung einer zutiefst normalen Lebenssituation!?

Wer sagt mir denn, dass ich den nächsten Moment „unbehindert“ erlebe? Hat irgendjemand eine Garantie dafür?
Wo fängt Behinderung an, wo hört sie auf? Wenn ich mich in den Finger schneide, dann hindert mich das bei der Ausführung vieler Tätigkeiten, aber vieles andere kann ich doch noch!
Wenn ich „nur“ einen Verband an der Hand habe, dann würde mich wohl niemand als „Behinderte“ abstempeln.

„Behinderung“ hält sich nicht an Lebensplanungen, Lebensumstände, Beruf oder irgendetwas anderes: JEDE und JEDER kann jederzeit „die Seiten wechseln“.
Vielleicht sollten wir alle, auch die in Verwaltungen und Behörden, in Politik, Wirtschaft , Wissenschaft und Medien Tätigen einmal einen kleinen Moment innehalten und darüber nachdenken, ob nicht sie selbst, ob nicht WIR! alle auch jederzeit betroffen sein könnten?

Viele Menschen mit Behinderung haben ein Umfeld, sie haben Angehörige, die sie begleiten.
Diese Angehörigen werden dann oft in dieselbe „Kiste“ gesteckt: Sie stehen außerhalb der „normalen Gesellschaft“. Sie werden als „Stille Helden“ tituliert, sie bekommen Ehrenamtspreise.
Es wird „für“ und „über“ sie geschrieben, geforscht, entschieden, bestimmt. Das ist zu wenig!

Pflegende Angehörige brauchen künftig eine eigene Lobby.
Sie müssen ernst genommen werden und ihre Vertretungen müssen zu allen relevanten Entscheidungen gehört und beteiligt werden!
Ist es nicht auffallend, dass WIR!, die Pflegenden Angehörigen, bislang noch keine Lobby für uns selbst gebildet haben?
Warum werden pflegende Angehörige von Politik und Medien nicht ermutigt, sich selbst zusammenzufinden und eine Lobby zu bilden? Pflegende Angehörige dürfen ihre Geschichten erzählen und andere unterhalten sich fachkompetent darüber: Das ist nicht genug!
Hat man Angst davor, dass ein „schlafender Riese“ aufwachen könnte?

Auch für Pflegende Angehörige jeden Alters muss jetzt und künftig das Motto gelten:
„Nichts über uns ohne uns!“

Brigitte Bührlen,
Pflegende Angehörige, 20 Jahre Begleitung einer demenzkranken Mutter,
Gründerin/Vorsitzende „WIR! Stiftung Pflegender Angehöriger“

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