Kornelia Wagner/ Beiträge, Texte

Inklusion ist ein Menschenrecht und darf nicht nach Belieben ausgeknipst werden!

Kornelia Wagner Inklusionsaktivistin

Ich bedanke mich für die Einladung des Behindertenverbands Bayern der Vorsitzenden Patrizia Koller und der Familie Lill für die Einladung heute hier zu sprechen
Am 09.03.2009 hat Deutschland die UN Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Damit haben wir uns dazu bekannt, dass Inklusion ein Menschenrecht ist. Wir müssen uns bewusst machen, dass Menschenrechte nicht an und nach Belieben ausgeknipst werden können.
Ich stehe hier vor Ihnen als behinderte Frau, freischaffende Künstlerin und politisch engagiert im Bezirksausschuss Schwabing-Freimann, München.
Das ich vieles von dem was ich mir für mein Leben gewünscht habe, umsetzen konnte und kann, habe ich einer sehr engagierten Mutter zu verdanken
Wie meine Mutter damals, sind heute hier viele Eltern die für Ihre Kinder für ein Recht auf inklusives Lernen kämpfen.
Traurig, es scheint fast, als hätte sich in all den Jahren nichts verändert.
Inklusion ist kein Sonderrecht, kein Privileg, nein, alle Kinder haben ein Recht darauf und Deutschland hat sich verpflichtet, dieses Recht für alle möglich zu machen.
Leider hat das Land, der Bund die Lehrerinnen bei der Umsetzung in jeder Hinsicht alleine gelassen. Von der Raum-, Personalkapazität und nicht zuletzt was die finanziellen Mittel betrifft. Dies führt nicht nur dazu, dass sich Lehrkräfte z. T überfordert fühlen, es führt auch dazu, dass manche Eltern das Gefühl haben, dass ihr Kind auf einer Sonderschule besser gefördert werden kann. Würde aber das Geld, welches im Moment noch in Sonderschulen fließt, in die Regelschule fließen, wäre eine Förderung alle Kinder möglich. Zu bedenken gebe ich auch, dass der Besuch von Sonderschulen für viele Kinder schwerwiegende Folgen hat. Nachdem ich selbst eine Sonderschule besucht habe, möchte ich von psychologischen Folgen und oft fehlenden beruflichen Perspektiven aus persönlichem Erleben berichten. Ein Mädchen vom Land kommt neu in die Sonderschule. Die Eltern hofften, dass Ihr Kind auf der Sonderschule eine besondere Förderung erfährt. Ab dem ersten Tag die sie die Sonderschule besuchte, hat sie gestottert. Für dieses Mädchen war es ein Schock aus ihrem vertrauten Umfeld heraus gerissen zu werden und sie hat es emotional nicht verkraftet, dass sie gefühlt den Besuch der Sonderschule als Ausgrenzung wahrgenommen hat. Als die Eltern den psychologischen Druck erkannt haben, haben sie ihr Kind wieder in eine Regelschule geschickt und das Mädchen hat aufgehört zu stottern. Eine Freundin von mir auf der Sonderschule, kleinwüchsig, konnte es emotional nicht gut verkraften, wenn Menschen sie anschauten, dies hat sie als Anstarren empfunden und die Menschen entsprechend angeschrien. Hieraus schlossen die Lehrerinnen, dass sie wegen Verhaltensauffälligkeit keinen regulären Abschluss erhalten könne. Für sie war dies neben eine weiter schwer zu verkraftende Situation. Aber sie hat gekämpft, den Abschuss nach gemacht, den Realabschluss ebenfalls und technische Zeichnerin gelernt und diesen Beruf ausgeübt.
Dieses Beispiel zeigt, dass es öfters zu schwerwiegenden Fehleinschätzungen kommt.
Darüber hinaus gibt es eine tendenziell grundsätzliche Ablehnung von Kindern von Sonderschulen seitens der Wirtschaft und damit fehlende Zukunftsperspektiven.
Trotz dieser Erfahrungen, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass viele sehr engagierte Lehrerinnen auf Sonderschulen gibt. Es braucht aber mehr Kontrolle und Fokussierung, was Kinder mit Einschränkungen an Fähigkeiten mitbringen. Behinderte Kinder sind anders und darin liegt offensichtlich eine Herausforderung der sich einige nicht gewachsen fühlen. Ich möchte hier von einem Beispiel des anders sein erzählen, was eben nicht nur Kinder mit einer Behinderung betrifft. Ein Junge der 5 Sprachen fließend, deutsch, italienisch, indische Familie. Er kommt in die Grundschule und hat die Eigenheit, dass er den Unterricht im Stehen verfolgt und wenn ihm zu warm ist, sein T-Shirt auszieht. Die Lehrerinnen schließen darauf, dass auf eine Sonderschule wechseln muss. Die Eltern hatten Kontakt zu einer internationalen Schule und ihr Kind wechselte dort hin. Ab diesem Zeitpunkt, hatte das Kind keine Probleme mehr. Die interkulturelle Vielfalt und damit das anders sein, war dort Normalität.
Es zeigt deutlich, dass das wir in unserer Gesellschaft eine größere Toleranz für das anders sein brauchen.
Schauen wir nach in Italien. Dort wurden alle Sonderschulen geschlossen und dies läuft vielleicht nicht perfekt, aber es hat die Gesellschaft grundlegend verändert und eine größere Toleranz geschaffen.
Es braucht Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung, dadurch entsteht Akzeptanz und Toleranz.
Behinderte Kinder haben ein Recht, nicht in einer Glasglocke zu leben, auch auf die Gefahr hin, dass sie Ausgrenzung erleben. Damit umzugehen macht sie stark. Nicht behinderte Kinder haben ebenso ein Recht auf den Umgang mit behinderten Kindern. Sie lernen soziale Kompetenz. Alle Kinder lernen etwas wesentliches, Offenheit und Flexibilität.
Gerade im hier und jetzt erfahren wir, dass in einer Welt leben, die so stark im Wandel ist, wie gefühlt, nie zuvor.
Die Pandemie vermittelt vielen in der Gesellschaft und vielleicht manchen Politikerinnen, Direktorinnen, Lehrer*innen ein Gefühl, dass man sich in den schwierigen Zeiten, nicht noch mit dem Thema Inklusion beschäftigen kann.
Aus diesem Gefühl heraus entsteht ein Kampf gegen Eltern und die Kinder mit einem besonderen Bedarf.
Statt die Kraft dahin zu lenken, wo sie hin gehört, nämlich nach oben gerichtet für bessere Bedingungen adressiert an das Bildungsministerium, das Land, den Bund.
Manchmal gehört nur ein Stück Offenheit, Mut, Wille und Liebe für die Kinder dazu unbürokratische Lösungen zu finden.
Am Beispiel eines autistischen Kindes. Wo ist das Problem einen Ruheraum zur Verfügung zu stellen?
An die Politik gerichtet, es kann doch nicht sein, dass eine viertel Stunde vor Schulbeginn an Bezahlung für die Schulbegleitung, Inklusion u. U unmöglich macht!
Nicht zuletzt, man stelle sich vor Greta Thumberg hätte in München jeden Tag bei Wind und Wetter vor dem Landtag oder der Staatskanzlei gesessen, die Schule geschwänzt. Ein Aufschrei wäre durch das Land gegangen, wegen fehlender Aufsichts- und Schulpflicht.
Greta hat nicht nur Abitur gemacht, sondern eine ganze Bewegung in Gang gesetzt.
Sie ist das beste Beispiel, dass Menschen mit einer Behinderung ganz besondere Fähigkeiten haben, sie müssen nur gesehen, gefördert und das anders sein akzeptiert werden.
Zum Schluss nochmals deutlich, Inklusion ist ein Menschenrecht und mit der Unterschrift von Deutschland haben wir uns gesetzlich verpflichtet dieses Recht all umfassend möglich zu machen und es darf und kann nicht nach Belieben ausgeknipst werden!

Kornelia Wagner

Beauftragte für Menschen mit Behinderung und Beauftragte für Gesundheit
Mitglied im Unterausschuss Kultur & Budget/ Bildung,Soziales & Budget

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